Immer wenn ich hinten in die goße Diele gehe, kommen mir die Gedanken: "Wenn diese Diele erzählen könnte..."
Eine riesige, 2flügelige Eichentür mit innen gelegenem hölzernen Querriegel und dazugehörigem Zapfen verschließt dieses Tor inwändig.
Vor der Tür, im sogenannten "Schuer" unter dem vorkragenden Dach, liegen kindskopfgroße Steine und bilden einen festen Boden.
Die Dielentüren lassen sich so weit öffnen, dass seinerzeit der Pferdewagen mit dem Getreide, dem Stroh und dem Heu
in die Diele hineinfahren konnte.
Otto Einfeld, der leider letztes Jahr verstorben ist, hat mir viel von seiner Kindheit auf dem Hof, der schweren Arbeit und den heute unvorstellbar einfachen Lebensbedingungen erzählt.
Sein Vater Otto Einfeldt kaufte den Hof und das umliegende, dazugehörige Land 1920.
Damals, bis in die 50er Jahre, war der vordere Teil des Hauses als Krug in der ganzen Gegend bekannt.
Lag er doch an der Strecke von Eckernförde nach Kiel.
Es gibt noch alte Fotos, auf denen man den "Utspann" erkennt.
Hier wurden die Pferde der Kutschen und Wagen ausgespannt, konnten trinken und futtern.
Genau wie die Kutscher und Reisenden.

Blickstedter Krog - Postkarte -aus Familienbesitz- um 1930


Oben links ist die Straße zum Haus, die noch zu erwähnenden Hoflinden (deren Nachfolger ich noch kennen gelernt habe) und die Hausecke der Gastwirtschaft zu erkennnen. Rechts dann der nicht mehr existierende Teich und unten die Innenansichten.
Die "gute Schankstube" (links) ist jetzt unser Schlafzimmer, der "Gesellschaftsraum" (rechts) jetzt geteilt zu Esszimmer und (Katzen)Kinderzimmer. Die Schankstube wurde erst geschaffen als der Utspann zugemauert wurde.

Von der heutigen Raumaufteilung müsste ich mir das "damals 1920" so vorstellen: der Utspann begann da, wo jetzt etwa das Fenster vom Vorflur ist. Die Kutschen gingen dort rein, weiter durch - wo jetzt der lange Flur, das Esszimmer, das KatzenKinderzimmer ist und dann wieder raus wo jetzt das WC steht....Abenteuerlich...

Bis in die 70er Jahre hat Familie Einfeldt in diesem Haus gelebt. Bis dann ein paar Meter weiter das "neue Haus" erbaut wurde.
Lange Zeit wohnte im alten Bauernhaus weiterhin Tochter Karin mit Familie, dann wurde umfangreich und grundlegend renoviert und vermietet.
Aber trotzdem: Dieses alte Bauerhaus hat seinen Charme behalten. Insbesondere im hinteren Stallbereich.
Hier spürt man noch den Atem der Geschichte. Die kleinen Kammern neben der Diele waren einst die Kammern der Knechte.
Klein, nackte Steinwände, einfache Holzdecken, Strohdach... Im Winter muss es unerträglich kalt und feucht gewesen sein in diesen "Zimmerchen"
Das Strohdach existiert leider nicht mehr, aber an den Wänden der Kammern ist noch schichtweise aufgetragener Kalkputz und -farbe vorhanden. Ein leichtes Hellblau, ein kreidiges Weiß...
Das Ständerwerk der Diele ist uralt. Dicke, eckige Eichenpfähle mit dem Beil behauen, mit Holzzapfen verbunden tragen heute noch das Dach und den einstigen Erntesegen.
Auch heute noch wird das eigene Hafer-, Weizen und Gerstenstroh auf dem riesigen Dachspeicher eingelagert.
Pferdebesitzer freuen sich über die handlichen Kleinballen...
Auf dem Strohboden wohnt auch eine Eule. Hin und wieder sehen wir sie im halbdunkeln über den Hof gleiten.
Eule heisst auf Plattdeutsch "Uhl" - und somit hat die Straßen-/Wegbezeichnung "Uhlenhorst" auch heute noch seine wahrhaftige Bedeutung.

Und dann stehe ich auf dieser Diele und denke an die Erzählungen Otto`s.
An die harte Arbeit, das einfache Leben, aber auch die großen Feste, an denen die Diele mit Buchen- oder Eichenlaub geschmückt wurde. Und die Jungs hinten an der Ecke die Bierflaschenreste leerten...
Pferde gab es damals für die Feldarbeit noch bis 1950. Dann kam erst der erste Lanz Bulldog Schlepper und der Selbstbinder für die Garben. Und alles das hat das Haus gesehen. Und noch viel mehr vor der Zeit.
Denn nachweislich gab es diesen Hof mit Krog schon 1676.
Gegründet ist das Haus auf großen Feldsteinen, die den Mauern Sicherheit und Standfestigkeit geben. Über Jahrhunderte hinweg.

Host hütet noch uralte Flurkarten des Hofes und der Koppeln. Die Hauskoppel hieß schon immer so, genau wie die Sekretärkoppel, der Große Raum und Lehmrade. 16 ha, seit jeher in Familienbesitz und eigen bewirtschaftet.

um 1914

Dieses ist eines der frühesten Fotos vom Blickstedter Krug Otto Einfeldt.
Ganz deutlich ist zu erkennen, dass die Hauswände noch aus dem ursprünglichen Fachwerk bestehen, das Reetdach relativ unbeschädigt und ansehnlich ist.
Die Gruppe der feierlustigen und stattlichen Herren aus Dorf und Umgebung verdeckt fast ganz den rückseitigen "Utspann",
den Unterstand für Kutschen und Pferde, der einmal quer durchs Haus ging. Eine Seite rein, andere Seite wieder raus..
Die Frau in der weißen Kittelschürze ist die Frau von Otto Einfeldt senj.

schon moderner

Das Fachwerk und die Ziegel waren auf der Frontseite wohl schon zu mürbe geworden. Hier ist schon neu aufgemauert.
Aber immer noch sind die Findlinge im Fundamentsockel deutlich zu erkennen.
Auch der "Utspann" existiert noch. An der Frontseite hängen die großen "Eiche Bier" Schilder.
Die Fensterbögen sind bei der letzten Renovierung 1970 ansatzweise erhalten geblieben.
Was nie geändert wurde ist das Eigentümer-Schild (Fresco) unter der Dachkante:
Otto Einfeldt
Blickstedt 1920
(Auf dem Foto der jetztzeit > Unser Zuhause< deutlich zu erkennen)

um 1940

Der "Utspann" ist zugemauert, das Reetdach weist bereits erste Moos- und Verwitterungsspuren auf - aber:
Die Hoflinden sind mächtig und am neuen Eingang (dem ehemalien Utspann...) prangen links und rechts 2 weitere große Werbetafeln der Eiche-Brauerei.
Es scheint so, als sei hier seinerzeit ein erklecklicher Gewinn für die Brauerei - durch die Kehlen der Bauern und Knechte - in die Taschen des Brauereiherrn geflossen.
Vor dem Eingang steht Otto Einfeldt senj., hält den Hofhund am Halsband und Terriehund bei Fuß (war wohl besser für den Fotografen).

alte Flurkarte, Foto BLICKSTEDTER KRUG VON OTTO EINFELDT UM 1920 und Bericht von 1676

Karte: Verlauf der via regia (Reichsstraße) in Blickstedt. (Kartengrundlage: Vermessung 1877)

Vom Dorfplatz aus verlief die via regia in einem leichten Bogen bis zum Krug am Dorfrand. Zuvor hatte er die Hufe Bock (
Hufe ist die Größenangabe einer Hofstelle - Hofstelle Bock gibt es immer noch, auch im Besitz der Familie Bock) und das Backhaus passiert.
(Vom Backhaus haben Otto und Erika Einfeldt mir auch erzählt: Hier wurde von den beiden Bauernhäusern die Brote gebacken.)

In dem folgenden Bericht vom 2. April 1676 erfahren wir erstmalig von dem Blickstedter Krug.

Anno 1676 den 2. April. An einem Sonntage kommmt der hiesige Universitäts-Fechtmeister Herman Brüning von Eckernförde durch das Dorf Bixstede geritten. Daselbst im Kruge sitzt ein Reuter (
Reiter) Namens Timm Dibbern, der alhir vor dem Dänischen-Thor (Kieler Stadttor) in der Braunschweig (heute Brunswik/Wik) gewonet und aus der Probstei gewesen. Als dieser den Fechtmeister siehet vorüber reiten, spricht er zu der Wirtin: diese Mundierung stünde ihm wohl an, die müsse wohl seine werden etc. Ohngeacht nun die Wirtin ihm abgeraten und gewarnt, den Leuten freie Straße zu lassen und kein Unglück anzurichten, so reitet er doch dem Fechtmeister bald nach und, als er denselben ohnweit Blixsteden an dem Teiche Bey der leinen Brücken eigeholet, fragt er ihn wohin er wolle? Und warum er so eyle? Worauf der Fechtmeister geantwortet: seine Leute weren zu Wagen etwas voraus, die wollte er einholen. Der Reuter aber begehret, er solle achte reiten. Hierüber geraten sie

Bericht von 1676 weiter

vorerst in Wortwechsel und bald oben auf dem Berge zu den Pistolen, welche aber beiderseits versagen. Da nun der Fechtmeister zu der anderen Pistol greift, reist der Reuter ihm dieselbe aus der Hand und schlägt sie ihm auf den Kopf entzwei, will auch darauf mit seinem Karabiner Feuer auf ihn geben, wird aber auch von dem Fechtmeister daran verhindert., also dass der Schuss in die Luft gehet. Sie kommen hirauf beide von den Pferden und indem der Reuter mit entblößtem Degen zu dem Fechtmeister eindringen will, wird er von des Fechtmeisters großem Tigerhunde, den er eben bey sich gehabt, rücklings angefaßet, daß also der Reuter sich auch für den Hund in Acht nehmen muss, darüber es dem Fechtmeister zu Rettung seines Lebens endlich soweit gelungen, daß er seinen Gegner vorn in den Bauch hinein und hinten durch den Rücken ausgestoßen, auch sonsten, weil der Reuter nicht nachlassen wollen, verwundet und also selbst sein Leben als eine Beute davon gebracht. Er hat daruf diesen verwundeten alsbald auf einen Suxtörfer (Suchsdorf) Baurwagen nach der Braunschweig (in die Brunswik/Wik) führen lassen, woselbst der Reuter noch lange gelebt, daß er diese seine begangene Straßengewalt den Leuten frei öffentlich bekannt und bereuet hat. Dessen Körper ist auf dem hiesigen St. Jürgens-Kirchhofe in der Stille begraben worden.

(Quelle: Asmus Bremers (ehemaliger Kieler Bürgereister) ordentliche und wahrhafte Beschreibung der Geschichte von Vielerley Gewalt, Mord, Übeltaten und Unglücksfällen, welche ich in der Stadt Kiel und daherum von Anno 1432 bis Anno 1717 begeben haben. Kurzfassung der Sonderveröfentlichung 4 der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte)


...es folgt erläuternderText zum Verlauf der via regia in Eckernförde nach Kiel

Das Foto unten zeigt die baumgesäumte Straße via regia- die heute Privatweg und -gelände vom Einfeldt`schen Hof ist.

Bildunterschrift:
Das vom Krug ausgehende Stück der via regia.
Der von Norden kommende Fahrgast findet trifft vor dem Krug eine Reihe von 5 Bäumen an (d
eren Nachfolger ich noch kennen gelernt habe!) unter deren Schutz er das Fuhrwerk abstellen kann, bis er mit dem Kröger bei einem Köm alle Formalitäten erledigt hatte und der Stallknecht sich der Pferde und der Kutsche angenommen hatte. Die aus der Durchfahrt nach Süden ausfahrende Kutsche fand dort auch ebenso eine Baumreihe vor, die heute jedoch in ihrem Bestnd dezimiert ist. Das obige Foto zeigt eine weitere Reihe von 5 Bäumen hinter dem Krug. Diese Bäume sind ihrem Verwendungszweck entsprechend gärtnerisch bearbeitet.


Als Horst im Frühjahr dieses Jahres entschied: Die alten Linden müssen runter! wurden sie etwas mehr als gärtnerisch bearbeitet. Mit der Motorsäge um 2/3 eingekürzt können sie jetzt wieder gesunde Triebe und stabile Äste ausbilden.
Und noch wieitere Jahrzehnte Schutz und Schatten bieten. Wie schon Hundert oder mehr Jahre zuvor!

Ich habe mich unglaublich gefreut, dass die Nachbarin Christel Bock (vom Hof Bock) Erika Einfeldt den gefundenen historischen Text brachte. Erahnt man doch beim Lesen, dass das Leben auch damals - in der guten alten Zeit - schon lebensgefährlich war.

Weil ich nicht nur Horst und seine Familie sondern auch das alte Haus kennen und lieben gelernt habe, vor der Historie Respekt und Achtung habe, möchte ich noch mehr zu diesem Haus und seiner Geschichte erfahren.
Liegt es doch noch eine hoffentlich lange Zeit in unseren Händen, es zu bewahren.
Irgendwann werde ich versuchen, das Kirchenarchiv zu durchstöbern oder beim Graf Reventlow, zu dessen Bezirk das Dorf Blickstedt seit jeher gehört, mehr zu erfahren.


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